Der Dry-January – Ein Monat ohne Wein

  • Wein

Ich liebe Wein! Wein macht Spaß, Wein ist Lebensfreude. Es gibt immer etwas Neues zu entdecken und die Vielfalt ist fast unerschöpflich. Zu einem schönen Abend mit gutem Essen gehört für mich auch ein gutes Glas Wein. Dabei bin ich nicht wählerisch – ob Rot-, Weiß- oder Süßwein. Hauptsache gut muss er sein. Ich mag Wein nicht wegen des Alkohols, sondern einfach, weil ich die Vielfalt der Aromen liebe und es spannend finde, wie sich im Wein ein Jahrgang, eine Region oder sogar eine einzelne Lage hineinlegt. Trotzdem entscheide ich mich jedes Jahr für einen Dry-January.

Die Kapelle des Gutshofs mit Fokus auf dem Altar

Warum Dry-January

Der alkoholfreie Monat ist in der professionellen Weinszene häufig zu finden. Die meisten werden aus gesundheitlichen Gründen verzichten. Ich merke aber, dass für mich mehr dahintersteckt.

Gerade über die Weihnachtstage kennen viele das Gefühl: Ich bin satt! Genug gegessen, genug getrunken – einfach satt und vielleicht sogar ein bisschen darüber hinaus. Dieses Jahr habe ich dieses Gefühl weniger intensiv wahrgenommen – in den vergangenen Jahren jedoch umso deutlicher.

Gerade wenn es ums Essen geht, kann ich am Jahresende deutlich dieses Völlegefühl verspüren. Es beginnt bei der Auswahl des Weihnachtsmenüs. Was soll auf den Tisch kommen? Einfach Kartoffelsalat und Würstchen? Oder doch lieber einen Braten? Gans wäre auch so ein Klassiker – aber das ging vor einigen Jahren so schief, dass die Gans kein Genuss mehr war. Aber auch bei anderen Themen fühle ich mich einfach satt. Etwa wenn es um die Weihnachtswünsche geht. Schon früh im Dezember fragt meine Mutter, was sie mir zu Weihnachten schenken darf. Ich weiß es nicht, weil ich eigentlich schon alles habe. Und dann ist da noch die Zeit zwischen den Jahren. Was tut man, wenn Weihnachten vorbei ist und man eigentlich nur auf den Jahreswechsel wartet?

Die Besinnung bringt mich zu mir selbst

Der Januar ist für mich vielleicht der besinnlichere Monat. Ich esse weniger, muss mir nichts Wünschen und bringe neue Ordnung und Struktur in meinen Alltag. Dazu gehört für mich der Wein-Verzicht.

Der Januar erdet mich. Mein Geschmackssinn darf pausieren und ich suche bewusst keine geschmackvolle alkoholfreie Alternative. Tee und Wasser sind die Getränke des Januars. Ausruhen und sich besinnen. Dabei geht es mir nicht darum, diesen Monat zu verzwecken, um bei meinem Geschmack einen Reset-Knopf zu drücken. Vielmehr geht es mir darum, wieder bei mir anzukommen. Den Blick nicht schweifen zu lassen über die vielen Weine, die ich noch probieren möchte, die verrückten Foodparings die ich mir ausgedacht habe, sondern in mich zu hören und ruhig zu werden.

Das Problem ist: Heute wird Achtsamkeit oft verwendet zur Selbstoptimierung. Sei ein bisschen Achtsam, mach ein bisschen Meditation, dass du dann noch besser funktionierst! Und das ist im Letzten das Gegenteil von dem, worum’s wirklich geht. Auch das Gegenteil von Liebe. Achtsamkeit hat vielmehr damit zu tun, mit allen Sinnen präsent zu sein. Für mich selber präsent zu sein, für den anderen und für Gott. Und zwar unverzweckt –
ohne dass sich das gleich rentieren muss!

Johannes Hartl

Johannes Hartl spricht in einem Beitrag zum Thema Achtsamkeit über das zweckfreie Sein. Ich erlebe meinen Dry-January ganz ähnlich. Sobald ich in diese Tage mit der Aussicht gehe, meinen Geschmack zu verbessern, kreisen meine Gedanken um verschiedene Weine, die ich dann vielleicht verkosten möchte. Ich komme nicht bei mir an, kann mich nicht besinnen. Dieses Wort „besinnen“ beschreibt es vielleicht auch ganz gut. Zurück zu meinen Sinnen. Wahrnehmen. Doch nicht nur das Volle, Intensive, Überladene, Barocke oder Avantgardistische, sondern auch das Leere, Stille, Nichts.

Achtsamkeit und Sinnlichkeit im Alltag

Genau das ist es, worum es auch beim Fasten geht. Mein trockener Januar ist ein Monat des Wein-Fastens, des Besinnens, ruhig werden.

Wer dem Thema noch ein wenig nachgehen möchte, der kann gerne einmal in das Video von Johannes Hartl zum Thema Achtsamkeit reinschauen. Ich finde dort einige, sehr gute Gedanken. Der Neustart hier auf dem Gutshof lässt mich auch innehalten und nachdenken, wie ich meinen Alltag lebe, was ich tue und wie ich mich verhalte. Ich habe begonnen das Tagzeitengebet am Morgen zu beten. In aller Ruhe lese ich die Zeilen:

Zu wem sollen wir gehen?
Du hast Worte des ewigen Lebens,
durch den Glauben haben wir erkannt:
Du bist der Heilige Gottes

Gelobt seist du, Herr Jesus Christus,
König unendlicher Herrlichkeit!

Auszug aus dem Tagzeitengebet

Es tut gut, hier auf dem Gutshof ruhig ins Jahr zu starten. Hannah und ich haben viel Zeit für uns, genießen die Tage am wärmenden Kamin, sprechen über unsere ersten Erfahrungen hier auf dem Gutshof und können ankommen. Ich denke wir sollten uns nicht nur im Advent besinnen, sondern Zeiten im Alltag schaffen, an denen wir zur Ruhe kommen können, wahrnehmen und einfach Sein dürfen.

Etwas Neues beginnt

Ein richtig heißer Sommertag neigt sich dem Ende entgegen, die Schatten werden länger und der Himmel wird in unvergleichliches Purpur getaucht. Die Kerze auf dem Tisch zuckt in der lauen Luft und erhellt das erste Dunkel der Nacht.

Gemeinsam mit Rainer und Ilona Wälde sitzen wir an diesem Abend im August im Garten des Gutshofs, direkt hinter dem Gästehaus. Wir hören gespannt ihre Geschichten zur Gutshof Akademie und bekommen einen ersten Einblick in ihren Weg nach Nordhessen. Immer wieder unterbreche ich und stelle Fragen zur Auslastung, zum Umsatz oder zur Pacht. Im Nachhinein erzählte Ilona, dass wir in diesen Momenten etwas verkopft aufgefallen sind. Und wahrscheinlich hat sie damit recht.

Das vergangene Jahr war sehr herausfordernd für uns. Im Frühjahr durfte ich mein Theologiestudium abschließen, Hannah beendete ihr Theologieexamen im Sommer, nur wenige Wochen vor besagtem Tag. Der Weg ins Pfarramt ist für uns beide gerade nicht der Richtige. Schon seit Jahren denke ich über einen eigenen Beherbergungsbetrieb nach. Während des Studiums besuchte ich eine Fortbildung zum Sommelier, arbeitete gemeinsam mit meiner Frau im Cateringunternehmen Dän-grillt und durfte verschiedene Hochzeiten und Feste von Freunden bekochen. Doch als Quereinsteiger wollte ich zuerst einige Erfahrungen im Gastgewerbe sammeln. Ende März war der erste Druck durch Corona zu spüren und meine Chancen, eine Anstellung in der Gastronomie zu finden, schwanden dahin.

Die folgenden Monate sollten sehr ernüchternd werden. Über eine Freundin fand ich – glücklicherweise – schnell Arbeit als Hausmeister und Lagerist in der Apotheke der Universitätsklinik. Medikamente für die Stationen packen, Lagerbestände prüfen, Paletten verschieben und fegen wurde zu meinem Alltag.

Anfangs dachte ich, dass ich dort wenige Wochen, vielleicht zwei Monate, arbeiten sollte, doch es zeichnete sich schnell ab, dass uns allen ein Jahr des Stillstands bevorstehen würde. Also beschloss ich, meine Zeit sinnvoll zu nutzen und meinen gastronomischen Träumen trotz Corona etwas Raum zu geben. Ich unterhielt mich mit verschiedenen Menschen, arbeitete an meinen Gedanken und machte mich auf die Suche nach Konzepten, die christlichen Glauben und Gastronomie gemeinsam denken können. Und während dieser Suche, stolperten wir geradezu über den nordhessischen Gutshof.

Und dann mussten wir ins kalte Wasser springen. Mitte September – eine kleine Gruppe hatte sich zur Wohnberaterausbildung angemeldet. Wir hatten mit Rainer und Ilona vereinbart, dass Hannah und ich die Verpflegung der Gruppe übernehmen würden. Dreierlei Quiche, rote Beete mit Ziegenkäse und Rucola, zum Nachtisch ein Zwetschgen-Crumble, das etwas länger dauerte, weil wir mit dem modernen Ofen nicht zurechtkamen. Nach dem ersten Essen spürte ich, wie ich ankommen konnte. Langsam nahmen wir auch wahr, dass die Vision die Rainer und Ilona verfolgen, unseren Träumen ganz nahesteht. Hannah und ich erleben uns immer wieder als Sinnsucher und sehen gleichzeitig die Dinge, die wir in unserem Leben schon erarbeiten, lernen und sehen durften. Wir möchten sinnstiften – für mich ist das eine Kernkompetenz guter Gastronomie. Die besten Gespräche, die tiefsten Gedanken und die ehrlichsten Begegnungen finden selten im Hörsaal der Uni statt. Vielmehr am Tisch, bei einem guten Wein, mit Menschen, die etwas zu sagen haben.

Torbogen im Barockgarten

Etwa acht Wochen später, die Corona-Situation spitzte sich wieder zu, durften wir erneut für die Gruppe kochen. Wir hatten uns mit Rainer und Ilona verabredet, um über die praktischen Schritte zu sprechen. Nun waren die Fragen, die mich schon bei unserem ersten Besuch beschäftigten, aktuell. Vieles liegt noch offen vor uns und während ich diese Zeilen schreibe, ist ein Ende der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Krise noch nicht in Sicht. Ein zweiter Lockdown ist Realität geworden und wir starten ins Ungewisse.

In den letzten Wochen der Überlegung, Planung und Vorbereitung wurde mir immer mehr bewusst: Solch ein Neustart liegt immer im Ungewissen, egal ob mit oder ohne weltweiter Unsicherheit. Ich mag es mit Luther halten und pflanze einen Apfelbaum. Ich werde ihn gießen und mein Nötigstes tun. Ich will kreative Wege finden, um mit oder ohne Lockdown Menschen an gedeckte Tische zu bringen, ihnen den Genuss eines reifen Spätburgunders näher zu bringen oder die Kochkultur meiner Großeltern und Urgroßeltern weiter zu tragen. Und doch weiß ich: Ich kann arbeiten so viel ich will. Das wenigste liegt in meinen Händen.

Bibelkochen 4.0

47 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. 48 Ich bin das Brot des Lebens. 49 Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. 50 Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. 51 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch – für das Leben der Welt. 52 Da stritten die Juden untereinander und sprachen: Wie kann dieser uns sein Fleisch zu essen geben? 53 Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. 54 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. 55 Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. 56 Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm. 57 Wie mich gesandt hat der lebendige Vater und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. 58 Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. 59 Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte.

Johannes 6

Beim ersten Lesen des Textes wusste ich, dass ich diese Zeilen in einem Bibelkochen präsentieren möchte. Die Bibelstelle ist extrem dicht und es finden sich darin wahnsinnig viele Motive und Bezüge – so etwas macht mir immer Spaß! Auch theologisch finde ich diesen Text sehr spannend und ich war gespannt, wie sich das dann am Tisch entfaltet.

Wie immer, erstmal ein einfacher Start. Meine Gäste sollen ankommen, sich unterhalten, wohlfühlen und kennenlernen.


Der nächste Gang war ein spannender Einstieg in das eigentliche Menü. Bitterkräuter, Brotcreme aus Sauerteigbrot und ungesäuertem Brot, sowie Wermut und Essig stellen spannungsreiche Kombinationen dar, denen man sich langsam nähern muss. Auch der Bibeltext steigt spannungsreich ein: Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. – Joh. 6,49+50

Danach wird es kulinarisch einfacher. Kartoffel-Sellerie-Suppe mit Mais und Schnittlauch. Dazu im Erlenfurnier gegarte heimische Forelle. Thematisiert wurde das in die Welt gekommene Brot des Lebens, sowie die Frage des Nikodemus, die immer wieder im Hintergrund des Bibeltextes steht: Was muss ich tun, um ewig zu leben?


Der Hauptgang ist sicher der Höhepunkt. Lammhaxe und Lammkottlet an Rotweinsauce. Dazu Lahmancun und Shakshuka. Viele Symbole fallen hier ineinander und greifen, wie schon zuvor, immer wieder die Elemente des Sederabends auf.

Käse ist für mich immer ein Beziehungsthema. Käse muss gepflegt werden und das erste Lebensmittel was wir zu uns nehmen ist die Milch unserer eigenen Mutter. Der Gang geht an den Anfang zurück. Das Charosset, ein Mus aus Äpfel, Feigen, Datteln und Wein lässt wieder das Passamahl anklingen, wo dieses Gericht die Ziegel während der ägyptischen Gefangenschaft thematisiert.


Mango, Ananas und Physalis als exotische Früchte bringen Spannung und runden den Nachtisch ab. Milch und Honig, sowie die Lotuswurzel spielen auf Verheißung und ewiges Leben an.
Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. – Joh. 6,54

Beim gemütlichen Zusammensitzen nach dem Essen wurde nochmal über die Elemente der einzelnen Gänge gesprochen und der Abend konnte bei einem letzten Glas gutem Wein ausklingen. Danke an alle, die dabei waren und mir das ermöglicht haben! Ein besonderer Dank gilt meiner Frau, die mich an diesen Tagen besonders unterstützt hat!
Außerdem möchte ich meinem Herrn Jesus Christus Danken, für all den Überfluss, seine Gnade und Güte! Und so soll jeder Teller der meine Küche verlässt ein Lobpreis auf den sein, der alles geschaffen hat. Danke!

Bibelkochen – fünfter Gang

Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Offenbarung 5

Der letzte Gang sollte das Sammeln der Völker zum Ausdruck bringen. Ich hatte das Thema schon in den Amouse anklingen lassen, da es für mich eines der zentralsten Motiven in Offenbarung 5 und vielen anderen eschatologischen (endzeitlichen) Texten ist. Ich wollte die Sammlung durch die vier Himmelsrichtungen ausdrücken. Dazu wählte ich für den Norden ein Sorbet von der Preiselbeere und ein Molke-Granita. Asien wurde durch Litchi und Kiwicreme mit Matcha dargestellt. Für Afrika wählte ich einen Frangipane mit Banane und ein Schokoladen-Mousse. Für den Westen wollte ich nicht Amerika, sondern die Karibik oder den Norden Südamerikas thematisieren. Deshalb gab es eine Art Flan de Caramel mit frischen Kokosraspeln und kandierter Ananas.

Ich dachte schon am Abend nach dem Essen, dass es schön gewesen wäre, wenn durch die Farbe Rot alle unterschiedlichen Himmelsrichtungen miteinander verbunden werden, da das Blut Christi die Völker vereint. Das würde ich beim nächsten Mal mit Sicherheit anders machen.

Der Nachtisch darf für mich aber auch niemals zu kompliziert in der Aussage sein. Es geht am Ende darum einen lockeren, gemütlichen Abschluss zu finden. So ist es auch für mich total interessant dann noch mit den Leuten zu reden, etwas Wein zu trinken und die Gemeinschaft zu genießen. Die Gespräche die sich aus solch einem Abend entwickeln sind immer sehr interessant.

Bibelkochen – dritter und vierter Gang

Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen

Offenbarung 5

Leider gibt es vom dritten Gang kein richtiges Bild. Der Gedankengang war aber folgender. Ich wollte ein Gericht, dass unkompliziert ist, damit man sich etwas vom Gang davor erholen kann. Es sollte einfach lecker sein.
Schon vor dem ersten Gang hatte ich die Tischdeko vom Tisch genommen und eine Tonrolle auf den Tisch gestellt, die mit den sieben Siegeln verschlossen war. In dieser Tonrolle garte ich Kartoffeln, die im dritten Gang dann Teil eines Zepters werden sollten. Dazu wurde am Tisch die Rolle zerschlagen. In der Küche wurden die Kartoffeln kurz in Butter geschwenkt und bildeten mit etwas Speck das Zepter. Ich war mir unsicher ob man das ganze wohl erkennen würde, aber meine Gäste brauchten nicht lange. Die Grundlage war eine Tomatensuppe mit unterschiedlich zubereiteten Tomaten und gutem Olivenöl. Die Farbe verdeutlicht die Königswürde und das Öl greift die Thematik des gesalbt werdens auf.

Der vierte Gang war dann wieder deutlich komplexer und in der Vorbereitung am schwierigsten. Mir war schnell klar, dass ich mit Weihrauch arbeiten möchte. Diesen kann man problemlos essen. In meinem Kopf entstand in der Vorbereitung eine Aufwärtsbewegung, die ich aber nicht genauer in Worte fassen konnte. Es war das Gefühl, dass sich alles emporstrecken muss. Daneben war schnell klar, dass diese ewige Anbetung irgendwie thematisiert werden soll. Nach einigem Überlegen empfand ich das Motiv des alttestamentlichen Opfers als passend. Diese völlige Hingabe die da drinsteckt. Deshalb wählte ich Wachtel, gebratene Brust und geschmorte Füße, und präsentierte diese auf etwas zerspritzter Rote Bete-Orangensoße. Die Karotten, in Weihrauch geschwenkt, greift die die Bewegung nach Oben auf.

Bibelkochen – Zweiter Gang

Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande.

Offenbarung 5

Nachdem der erste Gang überwiegend deskriptiv gehalten wurde, versuche ich im zweiten Gang theologisch Tiefe zu gewinnen. Für mich stand im Blick auf den Text schnell die Frage im Raum: Wer genau ist das Lamm? Selbstverständlich ist jedem Bibelleser schnell klar, dass es sich dabei um Jesus Christus handelt. Aber dann ist die Frage: Wer ist Jesus Christus?

Theologisch arbeitete ich in diesem Gang auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Vordergründig versuchte ich unterschiedlichste Hoheitstitel, die in der Bibel für Jesus verwendet werden, zu verarbeiten. Im Hintergrund stand eine Überlegung zum Thema: Jesus Christus wahrer Mensch und wahrer Gott, also die Zwei-Naturen-Lehre. Das Spannende an dieser Überlegung ist, dass Gott in Christus ganz Mensch wird und dabei ganz Gott bleibt, ein Mysterium. Begreifen kann ich Jesus Christus den Menschen deutlich leichter. Der göttliche Christus wird mir offenbart.
Diese Überlegung lies ich in ein Spiel aus Erkennen und nicht Erkennen einfließen. Im unteren Teil des Tellers befanden sich dünn geschnittene und aufgerollte Gurkenstücke. Einfach zu erkennen und jedem Zugänglich. An den oberen Rand legte ich einige gelartigen Kügelchen aus Gurke, sogenannten Gurkenkaviar, der mit Natriumalginat und Kalziumchlorid hergestellt wird. Die unterschiedlichen Hoheitstitel ordnete ich dann noch etwas nach ihrer Zugänglichkeit. Das Hirtenmotiv erschließt sich leicht, weshalb ich es im unteren Teil anordnete. Der Morgenstern oder die Weisheit hingegen sind Motive die nicht so leicht Zugänglich sind, weshalb ich sie im oberen Teil des Tellers anordnete.

Die unterschiedlichen Motive, überwiegend aus dem Bereich der Hoheitstitel, reichten von etwas Öl und einer Olive für den Christustitel, über das Lamm selbst, das im Zentrum lag oder eine kleine Sülze, in welche ich A und Ω legte. Ein Basilikum Panna Cotta Würfel sollte den Eckstein symbolisieren und ein Schälchen aus Blutteig mit bitteren Kräutern und aufgehender Saat Tod und Auferstehung thematisieren. Die Sternfrucht steht für den Morgenstern und am obersten Ende des Tellers ist aus Edamame, grüner Sojabohnen, ein Auge gelegt, das das Motiv der Weisheit aufgreift. Etwas Brot greift das Ich-bin-Wort aus dem Johannes Evangelium auf.
Die grüne Farbe wählte ich ganz bewusst aus, um die Hoffnung darzustellen, die im Glauben an Jesus Christus liegt.

Dieser Gang war wahrscheinlich der umfangreichste und komplexeste Gang den ich bisher konzipiert habe. Es war unglaublich interessant zu sehen, wie die Gäste den einzelnen Motiven nachgingen und Jesus Christus als Mensch und Gott ins Gespräch kam.


Gerade weil dieser Gang konstruiert wirkt, möchte ich nochmals kurz auf einige allgemeine Gedanken eingehen. Mein Teller, mein Gericht, möchte nicht entschlüsselt werden. Es geht nicht darum, jeden Gedanken aufzudröseln, um etwas zu „verstehen“. Mein Anliegen ist es, gutes Essen und einen spannenden Text zu verbinden und dabei das wirklich relevante, nämlich Jesus Christus, ins Gespräch zu bringen. Wollte ich eine lange theologische Diskussion über die Zwei-Naturen-Lehre halten, würde ich mir die entsprechenden Leute einladen und dabei vielleicht ein gutes Bier genießen. Wenn ich die Hoheitstitel Jesu systematisch erarbeiten wollte, würde ich das Skript von Prof. Dr. Eckstein hervorholen und seine Vorlesung Revue passieren lassen.
Es ist ein schmaler Grad, den ein solcher Teller vorgibt und wer ihn vor sich hat, darf selbst entscheiden, wie er damit umgeht. Ich wünsche mir, dass wir solches Essen nehmen wie ein gutes Konzert, es genießen und uns daran freuen. Nicht aber jede Tonfolge herausreißen und fragen: Was will er uns damit sagen?!

Wenn er es hätte sagen wollen, hätte er es wohl einfach gesagt. – Frei nach Johannes Hartl

Bibelkochen – Erster Gang

2 Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? 3 Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun noch es sehen. 4 Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.

Offenbarung 5

Der erste Gang ist für mich der Punkt, an dem meine Gäste in den Text eintauchen sollen. Deshalb ist der erste Teller bisher meist vor allem deskriptiv und einfach zu verstehen.
Im Falle von Offenbarung 5 habe ich für den ersten Gang Elemente gesucht, die die ersten Verse einfach wiedergeben. Dabei möchte ich, dass der Teller trotz seiner einfachen, deskriptiven Ebene eine Tiefe bekommt und auch Elemente vorhanden sind, die noch deutlich tiefer zu interpretieren sind.

Auf dem Teller ist also die Szene dargestellt, die der Bibeltext in Offenbarung 5 schildert: Johannes der Seher weint über alles, was im Himmel, auf der Erde und unter ihr ist. Diese drei Dimensionen sind durch ein Kartoffelplätzchen (unter der Erde), Brokkoliröschen (auf der Erde), und einen Dickmilchschaum (im Himmel) dargestellt. Darüber liegt ein Forellenkaviar, der die Tränen des Sehers darstellt, denn wenn man auf den Kaviar beißt, breitet sich die jodig, salzige Flüssigkeit im Mund aus. Unter dieser Anordnung liegt eine leichte Misocreme, die die Unwürdigkeit oder den Verfall der Welt mit auf den Teller bringt.

Für mich ist der Moment sehr spannend, wenn die Gäste erste Assoziationen äußern, einigen Elementen sofort nachgehen und andere nie zur Sprache kommen.

Bibelkochen – die Grundlagen

Für das Bibelkochen kommen viele unterschiedliche Gedanken und Ideen zusammen. Es dauert lange, bis der Text einen Teller ergibt und nicht immer war ich gleichermaßen mit dem Ergebnis zufrieden. Ich möchte in den kommenden Wochen hier immer wieder einen Teller meines zweiten Bibelkochens vorstellen und daran zeigen, welche Gedanken ich dabei hatte. Zuvor sind aber einige Vorbemerkungen wichtig, die das gesamte Menü bestimmen.

Die Menüregel
Die lange französische Küchentradition hat einen komplexes Regelwerk für klassische Menüs hervorgebracht. Viele dieser „Regeln“ machen durchaus Sinn und ich versuche, mich an einige davon so gut wie möglich zu halten.

  • Das Amouse Gueule leitet in das Menü ein, gehört aber noch nicht dazu und soll einfach Spaß machen.
  • Das Menü folgt einer Dramaturgie. Eine Vorspeise bildet den Einstieg, es steigert sich bis zum Hauptgang und das Dessert lässt alles ausklingen.
  • Abwechslung ist das A und O
    • Deutlich unterschiedliche Farbgestaltung der Teller
    • Verschiedene Zutaten
    • Unterschiedliche Zubereitungsmethoden
    • Die Art der Soße sollte abwechslungsreich sein

Da das Bibelkochen einem Text folgt, ergeben sich noch einige Punkte, die es zu beachten gilt:

  • Der erste Gang ist vorzugsweise deskriptiv gehalten. Jeder am Tisch erkennt die Intention des Tellers und die Verbindung zum Text, sodass sich schnell Gespräch entwickeln können.
  • Die folgenden Teller unterstehen zuerst dem Text, dann den Menüregeln. Immer wieder tauchen gleiche Elemente auf, die beispielsweise einen Erzählstrang wiedergeben.
  • Es gibt nicht für jeden Gang eine eigene Weinbegleitung. Lieber möchte ich drei Weine zu den meist fünf Gängen präsentieren, die dafür auch über einen längeren Zeitraum bewusst wahrgenommen werden können.

Meine Gedankengänge bei der Auswahl der unterschiedlichen Rezepte und Produkte folgt in der Vorbereitung ganz unterschiedlichen Richtungen. In machen Fällen stelle ich ganz bewusst wenige Zutaten in den Mittelpunkt. So servierte ich beim ersten Bibelkochen eine Artischocke, die meine Gäste auszuzeln durften. Diese produktfokussierte Küche verlangt am aller meisten hochwertige Produkte.
Mit regionaler- oder landestypischer Küche lassen sich am besten bestimmte Gefühle aufgreifen und diese im Gericht verankern. So ist für viele das klassische Ragù alla bolognese ein Lieblingsessen aus der Kindheit, das Glück und Zufriedenheit suggeriert.
Die kreative Küche oder avantgarde Küche verfremdet, irritiert und spielt mit Produkten. Ich setze diese Techniken ganz bewusst ein und zwar nur dann, wenn sie wirklich Sinn machen. Dazu gehört beispielsweise ein Kaviar aus Gurkenwasser den ich bei meinem zweiten Bibelkochen eingesetzt habe.


Wenn ich dann ein Gericht oder Menü koche, soll jede Komponente dem Text unterstellt sein. Dabei können die Verbindungen ganz lose gesponnen werden, sodass Kompositionen entstehen, die in erster Linie einfach geschmacklich Sinn ergeben und lediglich den Grundgedanken des Textes unterstützen. Ich möchte aber keinesfalls, dass einfach ein paar Petersilienblätter auf meinem Teller liegen, weil der Koch dachte grün ist schön. Wenn ich diese Blätter auf den Teller lege, dann sollen sie einen Sinn haben, für das Gericht und für die Interpretation des Textes.


Am schönsten sind für mich die Momente, wenn die Leute an meinem Tisch sitzen und ins Gespräch kommen. Es ist anders, als wenn man in ein Konzert geht oder sich ein Gemälde anschaut. Am Tisch unterhält man sich, man pflegt die Gemeinschaft und unweigerlich spricht man über das, was man gerade erlebt. Dieser Moment des gemeinsamen Entdeckens ist für mich extrem interessant. Der eine Interpretiert so, der nächste wieder so. Es zeigt etwas von den Menschen, sie werden offen, denken über sich selbst nach und kommen in Gespräche, die sonst nie so stattfinden würden.
Dabei betone ich immer vor dem Essen: Es geht nicht darum, jede Komponente zu entschlüsseln. Es geht um das Ganze, die Gemeinschaft, das gute Essen und darum, einen Text ins Gespräch zu bringen.