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Bibelkochen – Zweiter Gang

Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande.

Offenbarung 5

Nachdem der erste Gang überwiegend deskriptiv gehalten wurde, versuche ich im zweiten Gang theologisch Tiefe zu gewinnen. Für mich stand im Blick auf den Text schnell die Frage im Raum: Wer genau ist das Lamm? Selbstverständlich ist jedem Bibelleser schnell klar, dass es sich dabei um Jesus Christus handelt. Aber dann ist die Frage: Wer ist Jesus Christus?

Theologisch arbeitete ich in diesem Gang auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Vordergründig versuchte ich unterschiedlichste Hoheitstitel, die in der Bibel für Jesus verwendet werden, zu verarbeiten. Im Hintergrund stand eine Überlegung zum Thema: Jesus Christus wahrer Mensch und wahrer Gott, also die Zwei-Naturen-Lehre. Das Spannende an dieser Überlegung ist, dass Gott in Christus ganz Mensch wird und dabei ganz Gott bleibt, ein Mysterium. Begreifen kann ich Jesus Christus den Menschen deutlich leichter. Der göttliche Christus wird mir offenbart.
Diese Überlegung lies ich in ein Spiel aus Erkennen und nicht Erkennen einfließen. Im unteren Teil des Tellers befanden sich dünn geschnittene und aufgerollte Gurkenstücke. Einfach zu erkennen und jedem Zugänglich. An den oberen Rand legte ich einige gelartigen Kügelchen aus Gurke, sogenannten Gurkenkaviar, der mit Natriumalginat und Kalziumchlorid hergestellt wird. Die unterschiedlichen Hoheitstitel ordnete ich dann noch etwas nach ihrer Zugänglichkeit. Das Hirtenmotiv erschließt sich leicht, weshalb ich es im unteren Teil anordnete. Der Morgenstern oder die Weisheit hingegen sind Motive die nicht so leicht Zugänglich sind, weshalb ich sie im oberen Teil des Tellers anordnete.

Die unterschiedlichen Motive, überwiegend aus dem Bereich der Hoheitstitel, reichten von etwas Öl und einer Olive für den Christustitel, über das Lamm selbst, das im Zentrum lag oder eine kleine Sülze, in welche ich A und Ω legte. Ein Basilikum Panna Cotta Würfel sollte den Eckstein symbolisieren und ein Schälchen aus Blutteig mit bitteren Kräutern und aufgehender Saat Tod und Auferstehung thematisieren. Die Sternfrucht steht für den Morgenstern und am obersten Ende des Tellers ist aus Edamame, grüner Sojabohnen, ein Auge gelegt, das das Motiv der Weisheit aufgreift. Etwas Brot greift das Ich-bin-Wort aus dem Johannes Evangelium auf.
Die grüne Farbe wählte ich ganz bewusst aus, um die Hoffnung darzustellen, die im Glauben an Jesus Christus liegt.

Dieser Gang war wahrscheinlich der umfangreichste und komplexeste Gang den ich bisher konzipiert habe. Es war unglaublich interessant zu sehen, wie die Gäste den einzelnen Motiven nachgingen und Jesus Christus als Mensch und Gott ins Gespräch kam.


Gerade weil dieser Gang konstruiert wirkt, möchte ich nochmals kurz auf einige allgemeine Gedanken eingehen. Mein Teller, mein Gericht, möchte nicht entschlüsselt werden. Es geht nicht darum, jeden Gedanken aufzudröseln, um etwas zu „verstehen“. Mein Anliegen ist es, gutes Essen und einen spannenden Text zu verbinden und dabei das wirklich relevante, nämlich Jesus Christus, ins Gespräch zu bringen. Wollte ich eine lange theologische Diskussion über die Zwei-Naturen-Lehre halten, würde ich mir die entsprechenden Leute einladen und dabei vielleicht ein gutes Bier genießen. Wenn ich die Hoheitstitel Jesu systematisch erarbeiten wollte, würde ich das Skript von Prof. Dr. Eckstein hervorholen und seine Vorlesung Revue passieren lassen.
Es ist ein schmaler Grad, den ein solcher Teller vorgibt und wer ihn vor sich hat, darf selbst entscheiden, wie er damit umgeht. Ich wünsche mir, dass wir solches Essen nehmen wie ein gutes Konzert, es genießen und uns daran freuen. Nicht aber jede Tonfolge herausreißen und fragen: Was will er uns damit sagen?!

Wenn er es hätte sagen wollen, hätte er es wohl einfach gesagt. – Frei nach Johannes Hartl