Lukas

Irgendwann im Alter zwischen sieben und zehn Jahren und besuchte mit meinen Eltern wie jedes Jahr die Osterfamilienfreizeit der Evangelischen Kommunität Christusbruderschaft Selbitz. Es war der Ostermorgen, fünf Uhr in der Früh. Die Sonne drang mit ihren ersten Strahlen durch die Fenster der Kapelle und das Abendmahl wurde ausgeteilt. Laudate omnes gentes klang aus vielen besinnlichen Stimmen und ich spürte diesen besonderen Moment.

Langsam stand ich auf und reihte mich zwischen meinen Eltern in die Schlange um selbst das Abendmahl zu empfangen. Es sind zweierlei Bewegungen, die an diesem Morgen in Einklang und mit Eindruck in mein Herz fielen. Ein Bruder der Kommunität war anwesend und legte mir die Oblate in die geöffneten Hände. Ich sah ihn an. Seine liebevollen, gütigen Augen und wusste – das will ich auch. Ich kann nicht in Worte fassen, was mich an diesem Mann faszinierte, doch es begleitete mich über Jahre und immer wieder dachte ich bei mir, dass ich eines Tages teil dieser Gemeinschaft werden möchte.

Einen Augenblick später reichte mir eine Schwester den Kelch. Christi Blut für dich vergossen. Ich nahm einen kleinen Schluck, benetzte nur meine Lippen und fühlte die Wärme, die leichte Süße und die angenehme Frucht. Der Geruch war so vertraut, der Geschmack so fremd, neuartig und anders als alles was ich bisher gekostet hatte. Wein kannte ich von meinen Großeltern. Ich weiß nicht, ob ich vor diesem Ostermorgen jemals vom Trollinger-Lemberger meines Opas probiert hatte, doch diese Riesling Spätlese brannte sich in meine Erinnerung. Bis heute kann ich diesen Tropfen schmecken und die Wärme spüren.

Meine Großeltern hatten einen Weinbaubetrieb und einige Jahre später sollte ich über die Weine meines Opas die weite Welt der Vitis Vinifera, der Edelrebe, kennen lernen. Ich denke, dass ich etwa vierzehn Jahre alt war, als ich das letzte Mal die Pfingstferien bei meinen Großeltern verbrachte. Es war heiß, sehr heiß und der Boden zeigte erste Risse. Ich stand im Altenberg, einer schönen Weinberglage mit Blick auf Löwenstein und arbeitete mich von Stock zu Stock. Schweiß stand auf meiner Stirn und mir war klar, dass noch einige Tage monotoner Arbeit vor mir Lagen. „Stemmleputzen“, das Entfernen grüner Triebe am Stamm der Rebe, war neben dem Ausgeizen meine häufigste Aufgabe, mit der ich mir mein Taschengeld aufbessern konnte.

Ich blicke heute mit großer Dankbarkeit auf diese Tage zurück. Nicht nur, dass mich meine Großeltern den Umgang mit Geld gelehrt haben. Vielmehr habe ich verstanden, was es heißt mit eigenen Händen etwas zu schaffen, Fortschritte zu sehen, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam mit anderen etwas hervorzubringen. Besonders deutlich wurde das in den Tagen, an denen Schnaps gebrannt wurde. Mühsam musste das Obst aufgesammelt werden. Die Maische wurde gerührt, es wurde geputzt und sauber gehalten. Aber die Tage in der Brennerei waren alle Mühe wert. Ich war immer zu jung um jemals direkt in der Brennerei etwas zu probieren, aber der Geruch, das freudige Tropfen des Vorlaufs und das knistern des Feuers unter der Brennblase werde ich nie vergessen. Es waren Tage an denen mein Großvater mir Geschichten von früher erzählte und meine Oma uns belegte Brote in die Brennerei brachte. Diese winterlichen Sonnentage waren alle Arbeit und Mühe wert.