Bibelkochen – fünfter Gang

Und jedes Geschöpf, das im Himmel ist und auf Erden und unter der Erde und auf dem Meer und alles, was darin ist, hörte ich sagen: Dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Offenbarung 5

Der letzte Gang sollte das Sammeln der Völker zum Ausdruck bringen. Ich hatte das Thema schon in den Amouse anklingen lassen, da es für mich eines der zentralsten Motiven in Offenbarung 5 und vielen anderen eschatologischen (endzeitlichen) Texten ist. Ich wollte die Sammlung durch die vier Himmelsrichtungen ausdrücken. Dazu wählte ich für den Norden ein Sorbet von der Preiselbeere und ein Molke-Granita. Asien wurde durch Litchi und Kiwicreme mit Matcha dargestellt. Für Afrika wählte ich einen Frangipane mit Banane und ein Schokoladen-Mousse. Für den Westen wollte ich nicht Amerika, sondern die Karibik oder den Norden Südamerikas thematisieren. Deshalb gab es eine Art Flan de Caramel mit frischen Kokosraspeln und kandierter Ananas.

Ich dachte schon am Abend nach dem Essen, dass es schön gewesen wäre, wenn durch die Farbe Rot alle unterschiedlichen Himmelsrichtungen miteinander verbunden werden, da das Blut Christi die Völker vereint. Das würde ich beim nächsten Mal mit Sicherheit anders machen.

Der Nachtisch darf für mich aber auch niemals zu kompliziert in der Aussage sein. Es geht am Ende darum einen lockeren, gemütlichen Abschluss zu finden. So ist es auch für mich total interessant dann noch mit den Leuten zu reden, etwas Wein zu trinken und die Gemeinschaft zu genießen. Die Gespräche die sich aus solch einem Abend entwickeln sind immer sehr interessant.

Bibelkochen – dritter und vierter Gang

Und es kam und nahm das Buch aus der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß. Und als es das Buch nahm, da fielen die vier Wesen und die vierundzwanzig Ältesten nieder vor dem Lamm, und ein jeder hatte eine Harfe und goldene Schalen voll Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen, und sie sangen ein neues Lied: Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen

Offenbarung 5

Leider gibt es vom dritten Gang kein richtiges Bild. Der Gedankengang war aber folgender. Ich wollte ein Gericht, dass unkompliziert ist, damit man sich etwas vom Gang davor erholen kann. Es sollte einfach lecker sein.
Schon vor dem ersten Gang hatte ich die Tischdeko vom Tisch genommen und eine Tonrolle auf den Tisch gestellt, die mit den sieben Siegeln verschlossen war. In dieser Tonrolle garte ich Kartoffeln, die im dritten Gang dann Teil eines Zepters werden sollten. Dazu wurde am Tisch die Rolle zerschlagen. In der Küche wurden die Kartoffeln kurz in Butter geschwenkt und bildeten mit etwas Speck das Zepter. Ich war mir unsicher ob man das ganze wohl erkennen würde, aber meine Gäste brauchten nicht lange. Die Grundlage war eine Tomatensuppe mit unterschiedlich zubereiteten Tomaten und gutem Olivenöl. Die Farbe verdeutlicht die Königswürde und das Öl greift die Thematik des gesalbt werdens auf.

Der vierte Gang war dann wieder deutlich komplexer und in der Vorbereitung am schwierigsten. Mir war schnell klar, dass ich mit Weihrauch arbeiten möchte. Diesen kann man problemlos essen. In meinem Kopf entstand in der Vorbereitung eine Aufwärtsbewegung, die ich aber nicht genauer in Worte fassen konnte. Es war das Gefühl, dass sich alles emporstrecken muss. Daneben war schnell klar, dass diese ewige Anbetung irgendwie thematisiert werden soll. Nach einigem Überlegen empfand ich das Motiv des alttestamentlichen Opfers als passend. Diese völlige Hingabe die da drinsteckt. Deshalb wählte ich Wachtel, gebratene Brust und geschmorte Füße, und präsentierte diese auf etwas zerspritzter Rote Bete-Orangensoße. Die Karotten, in Weihrauch geschwenkt, greift die die Bewegung nach Oben auf.

Bibelkochen – Zweiter Gang

Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel. Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Wesen und mitten unter den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet; es hatte sieben Hörner und sieben Augen, das sind die sieben Geister Gottes, gesandt in alle Lande.

Offenbarung 5

Nachdem der erste Gang überwiegend deskriptiv gehalten wurde, versuche ich im zweiten Gang theologisch Tiefe zu gewinnen. Für mich stand im Blick auf den Text schnell die Frage im Raum: Wer genau ist das Lamm? Selbstverständlich ist jedem Bibelleser schnell klar, dass es sich dabei um Jesus Christus handelt. Aber dann ist die Frage: Wer ist Jesus Christus?

Theologisch arbeitete ich in diesem Gang auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Vordergründig versuchte ich unterschiedlichste Hoheitstitel, die in der Bibel für Jesus verwendet werden, zu verarbeiten. Im Hintergrund stand eine Überlegung zum Thema: Jesus Christus wahrer Mensch und wahrer Gott, also die Zwei-Naturen-Lehre. Das Spannende an dieser Überlegung ist, dass Gott in Christus ganz Mensch wird und dabei ganz Gott bleibt, ein Mysterium. Begreifen kann ich Jesus Christus den Menschen deutlich leichter. Der göttliche Christus wird mir offenbart.
Diese Überlegung lies ich in ein Spiel aus Erkennen und nicht Erkennen einfließen. Im unteren Teil des Tellers befanden sich dünn geschnittene und aufgerollte Gurkenstücke. Einfach zu erkennen und jedem Zugänglich. An den oberen Rand legte ich einige gelartigen Kügelchen aus Gurke, sogenannten Gurkenkaviar, der mit Natriumalginat und Kalziumchlorid hergestellt wird. Die unterschiedlichen Hoheitstitel ordnete ich dann noch etwas nach ihrer Zugänglichkeit. Das Hirtenmotiv erschließt sich leicht, weshalb ich es im unteren Teil anordnete. Der Morgenstern oder die Weisheit hingegen sind Motive die nicht so leicht Zugänglich sind, weshalb ich sie im oberen Teil des Tellers anordnete.

Die unterschiedlichen Motive, überwiegend aus dem Bereich der Hoheitstitel, reichten von etwas Öl und einer Olive für den Christustitel, über das Lamm selbst, das im Zentrum lag oder eine kleine Sülze, in welche ich A und Ω legte. Ein Basilikum Panna Cotta Würfel sollte den Eckstein symbolisieren und ein Schälchen aus Blutteig mit bitteren Kräutern und aufgehender Saat Tod und Auferstehung thematisieren. Die Sternfrucht steht für den Morgenstern und am obersten Ende des Tellers ist aus Edamame, grüner Sojabohnen, ein Auge gelegt, das das Motiv der Weisheit aufgreift. Etwas Brot greift das Ich-bin-Wort aus dem Johannes Evangelium auf.
Die grüne Farbe wählte ich ganz bewusst aus, um die Hoffnung darzustellen, die im Glauben an Jesus Christus liegt.

Dieser Gang war wahrscheinlich der umfangreichste und komplexeste Gang den ich bisher konzipiert habe. Es war unglaublich interessant zu sehen, wie die Gäste den einzelnen Motiven nachgingen und Jesus Christus als Mensch und Gott ins Gespräch kam.


Gerade weil dieser Gang konstruiert wirkt, möchte ich nochmals kurz auf einige allgemeine Gedanken eingehen. Mein Teller, mein Gericht, möchte nicht entschlüsselt werden. Es geht nicht darum, jeden Gedanken aufzudröseln, um etwas zu „verstehen“. Mein Anliegen ist es, gutes Essen und einen spannenden Text zu verbinden und dabei das wirklich relevante, nämlich Jesus Christus, ins Gespräch zu bringen. Wollte ich eine lange theologische Diskussion über die Zwei-Naturen-Lehre halten, würde ich mir die entsprechenden Leute einladen und dabei vielleicht ein gutes Bier genießen. Wenn ich die Hoheitstitel Jesu systematisch erarbeiten wollte, würde ich das Skript von Prof. Dr. Eckstein hervorholen und seine Vorlesung Revue passieren lassen.
Es ist ein schmaler Grad, den ein solcher Teller vorgibt und wer ihn vor sich hat, darf selbst entscheiden, wie er damit umgeht. Ich wünsche mir, dass wir solches Essen nehmen wie ein gutes Konzert, es genießen und uns daran freuen. Nicht aber jede Tonfolge herausreißen und fragen: Was will er uns damit sagen?!

Wenn er es hätte sagen wollen, hätte er es wohl einfach gesagt. – Frei nach Johannes Hartl

Bibelkochen – Erster Gang

2 Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen? 3 Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun noch es sehen. 4 Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.

Offenbarung 5

Der erste Gang ist für mich der Punkt, an dem meine Gäste in den Text eintauchen sollen. Deshalb ist der erste Teller bisher meist vor allem deskriptiv und einfach zu verstehen.
Im Falle von Offenbarung 5 habe ich für den ersten Gang Elemente gesucht, die die ersten Verse einfach wiedergeben. Dabei möchte ich, dass der Teller trotz seiner einfachen, deskriptiven Ebene eine Tiefe bekommt und auch Elemente vorhanden sind, die noch deutlich tiefer zu interpretieren sind.

Auf dem Teller ist also die Szene dargestellt, die der Bibeltext in Offenbarung 5 schildert: Johannes der Seher weint über alles, was im Himmel, auf der Erde und unter ihr ist. Diese drei Dimensionen sind durch ein Kartoffelplätzchen (unter der Erde), Brokkoliröschen (auf der Erde), und einen Dickmilchschaum (im Himmel) dargestellt. Darüber liegt ein Forellenkaviar, der die Tränen des Sehers darstellt, denn wenn man auf den Kaviar beißt, breitet sich die jodig, salzige Flüssigkeit im Mund aus. Unter dieser Anordnung liegt eine leichte Misocreme, die die Unwürdigkeit oder den Verfall der Welt mit auf den Teller bringt.

Für mich ist der Moment sehr spannend, wenn die Gäste erste Assoziationen äußern, einigen Elementen sofort nachgehen und andere nie zur Sprache kommen.

Bibelkochen – die Grundlagen

Für das Bibelkochen kommen viele unterschiedliche Gedanken und Ideen zusammen. Es dauert lange, bis der Text einen Teller ergibt und nicht immer war ich gleichermaßen mit dem Ergebnis zufrieden. Ich möchte in den kommenden Wochen hier immer wieder einen Teller meines zweiten Bibelkochens vorstellen und daran zeigen, welche Gedanken ich dabei hatte. Zuvor sind aber einige Vorbemerkungen wichtig, die das gesamte Menü bestimmen.

Die Menüregel
Die lange französische Küchentradition hat einen komplexes Regelwerk für klassische Menüs hervorgebracht. Viele dieser „Regeln“ machen durchaus Sinn und ich versuche, mich an einige davon so gut wie möglich zu halten.

  • Das Amouse Gueule leitet in das Menü ein, gehört aber noch nicht dazu und soll einfach Spaß machen.
  • Das Menü folgt einer Dramaturgie. Eine Vorspeise bildet den Einstieg, es steigert sich bis zum Hauptgang und das Dessert lässt alles ausklingen.
  • Abwechslung ist das A und O
    • Deutlich unterschiedliche Farbgestaltung der Teller
    • Verschiedene Zutaten
    • Unterschiedliche Zubereitungsmethoden
    • Die Art der Soße sollte abwechslungsreich sein

Da das Bibelkochen einem Text folgt, ergeben sich noch einige Punkte, die es zu beachten gilt:

  • Der erste Gang ist vorzugsweise deskriptiv gehalten. Jeder am Tisch erkennt die Intention des Tellers und die Verbindung zum Text, sodass sich schnell Gespräch entwickeln können.
  • Die folgenden Teller unterstehen zuerst dem Text, dann den Menüregeln. Immer wieder tauchen gleiche Elemente auf, die beispielsweise einen Erzählstrang wiedergeben.
  • Es gibt nicht für jeden Gang eine eigene Weinbegleitung. Lieber möchte ich drei Weine zu den meist fünf Gängen präsentieren, die dafür auch über einen längeren Zeitraum bewusst wahrgenommen werden können.

Meine Gedankengänge bei der Auswahl der unterschiedlichen Rezepte und Produkte folgt in der Vorbereitung ganz unterschiedlichen Richtungen. In machen Fällen stelle ich ganz bewusst wenige Zutaten in den Mittelpunkt. So servierte ich beim ersten Bibelkochen eine Artischocke, die meine Gäste auszuzeln durften. Diese produktfokussierte Küche verlangt am aller meisten hochwertige Produkte.
Mit regionaler- oder landestypischer Küche lassen sich am besten bestimmte Gefühle aufgreifen und diese im Gericht verankern. So ist für viele das klassische Ragù alla bolognese ein Lieblingsessen aus der Kindheit, das Glück und Zufriedenheit suggeriert.
Die kreative Küche oder avantgarde Küche verfremdet, irritiert und spielt mit Produkten. Ich setze diese Techniken ganz bewusst ein und zwar nur dann, wenn sie wirklich Sinn machen. Dazu gehört beispielsweise ein Kaviar aus Gurkenwasser den ich bei meinem zweiten Bibelkochen eingesetzt habe.


Wenn ich dann ein Gericht oder Menü koche, soll jede Komponente dem Text unterstellt sein. Dabei können die Verbindungen ganz lose gesponnen werden, sodass Kompositionen entstehen, die in erster Linie einfach geschmacklich Sinn ergeben und lediglich den Grundgedanken des Textes unterstützen. Ich möchte aber keinesfalls, dass einfach ein paar Petersilienblätter auf meinem Teller liegen, weil der Koch dachte grün ist schön. Wenn ich diese Blätter auf den Teller lege, dann sollen sie einen Sinn haben, für das Gericht und für die Interpretation des Textes.


Am schönsten sind für mich die Momente, wenn die Leute an meinem Tisch sitzen und ins Gespräch kommen. Es ist anders, als wenn man in ein Konzert geht oder sich ein Gemälde anschaut. Am Tisch unterhält man sich, man pflegt die Gemeinschaft und unweigerlich spricht man über das, was man gerade erlebt. Dieser Moment des gemeinsamen Entdeckens ist für mich extrem interessant. Der eine Interpretiert so, der nächste wieder so. Es zeigt etwas von den Menschen, sie werden offen, denken über sich selbst nach und kommen in Gespräche, die sonst nie so stattfinden würden.
Dabei betone ich immer vor dem Essen: Es geht nicht darum, jede Komponente zu entschlüsseln. Es geht um das Ganze, die Gemeinschaft, das gute Essen und darum, einen Text ins Gespräch zu bringen.