Gutshof

Etwas Neues beginnt

Ein richtig heißer Sommertag neigt sich dem Ende entgegen, die Schatten werden länger und der Himmel wird in unvergleichliches Purpur getaucht. Die Kerze auf dem Tisch zuckt in der lauen Luft und erhellt das erste Dunkel der Nacht.

Gemeinsam mit Rainer und Ilona Wälde sitzen wir an diesem Abend im August im Garten des Gutshofs, direkt hinter dem Gästehaus. Wir hören gespannt ihre Geschichten zur Gutshof Akademie und bekommen einen ersten Einblick in ihren Weg nach Nordhessen. Immer wieder unterbreche ich und stelle Fragen zur Auslastung, zum Umsatz oder zur Pacht. Im Nachhinein erzählte Ilona, dass wir in diesen Momenten etwas verkopft aufgefallen sind. Und wahrscheinlich hat sie damit recht.

Das vergangene Jahr war sehr herausfordernd für uns. Im Frühjahr durfte ich mein Theologiestudium abschließen, Hannah beendete ihr Theologieexamen im Sommer, nur wenige Wochen vor besagtem Tag. Der Weg ins Pfarramt ist für uns beide gerade nicht der Richtige. Schon seit Jahren denke ich über einen eigenen Beherbergungsbetrieb nach. Während des Studiums besuchte ich eine Fortbildung zum Sommelier, arbeitete gemeinsam mit meiner Frau im Cateringunternehmen Dän-grillt und durfte verschiedene Hochzeiten und Feste von Freunden bekochen. Doch als Quereinsteiger wollte ich zuerst einige Erfahrungen im Gastgewerbe sammeln. Ende März war der erste Druck durch Corona zu spüren und meine Chancen, eine Anstellung in der Gastronomie zu finden, schwanden dahin.

Die folgenden Monate sollten sehr ernüchternd werden. Über eine Freundin fand ich – glücklicherweise – schnell Arbeit als Hausmeister und Lagerist in der Apotheke der Universitätsklinik. Medikamente für die Stationen packen, Lagerbestände prüfen, Paletten verschieben und fegen wurde zu meinem Alltag.

Anfangs dachte ich, dass ich dort wenige Wochen, vielleicht zwei Monate, arbeiten sollte, doch es zeichnete sich schnell ab, dass uns allen ein Jahr des Stillstands bevorstehen würde. Also beschloss ich, meine Zeit sinnvoll zu nutzen und meinen gastronomischen Träumen trotz Corona etwas Raum zu geben. Ich unterhielt mich mit verschiedenen Menschen, arbeitete an meinen Gedanken und machte mich auf die Suche nach Konzepten, die christlichen Glauben und Gastronomie gemeinsam denken können. Und während dieser Suche, stolperten wir geradezu über den nordhessischen Gutshof.

Und dann mussten wir ins kalte Wasser springen. Mitte September – eine kleine Gruppe hatte sich zur Wohnberaterausbildung angemeldet. Wir hatten mit Rainer und Ilona vereinbart, dass Hannah und ich die Verpflegung der Gruppe übernehmen würden. Dreierlei Quiche, rote Beete mit Ziegenkäse und Rucola, zum Nachtisch ein Zwetschgen-Crumble, das etwas länger dauerte, weil wir mit dem modernen Ofen nicht zurechtkamen. Nach dem ersten Essen spürte ich, wie ich ankommen konnte. Langsam nahmen wir auch wahr, dass die Vision die Rainer und Ilona verfolgen, unseren Träumen ganz nahesteht. Hannah und ich erleben uns immer wieder als Sinnsucher und sehen gleichzeitig die Dinge, die wir in unserem Leben schon erarbeiten, lernen und sehen durften. Wir möchten sinnstiften – für mich ist das eine Kernkompetenz guter Gastronomie. Die besten Gespräche, die tiefsten Gedanken und die ehrlichsten Begegnungen finden selten im Hörsaal der Uni statt. Vielmehr am Tisch, bei einem guten Wein, mit Menschen, die etwas zu sagen haben.

Torbogen im Barockgarten

Etwa acht Wochen später, die Corona-Situation spitzte sich wieder zu, durften wir erneut für die Gruppe kochen. Wir hatten uns mit Rainer und Ilona verabredet, um über die praktischen Schritte zu sprechen. Nun waren die Fragen, die mich schon bei unserem ersten Besuch beschäftigten, aktuell. Vieles liegt noch offen vor uns und während ich diese Zeilen schreibe, ist ein Ende der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Krise noch nicht in Sicht. Ein zweiter Lockdown ist Realität geworden und wir starten ins Ungewisse.

In den letzten Wochen der Überlegung, Planung und Vorbereitung wurde mir immer mehr bewusst: Solch ein Neustart liegt immer im Ungewissen, egal ob mit oder ohne weltweiter Unsicherheit. Ich mag es mit Luther halten und pflanze einen Apfelbaum. Ich werde ihn gießen und mein Nötigstes tun. Ich will kreative Wege finden, um mit oder ohne Lockdown Menschen an gedeckte Tische zu bringen, ihnen den Genuss eines reifen Spätburgunders näher zu bringen oder die Kochkultur meiner Großeltern und Urgroßeltern weiter zu tragen. Und doch weiß ich: Ich kann arbeiten so viel ich will. Das wenigste liegt in meinen Händen.