Spiritualität

Der Dry-January – Ein Monat ohne Wein

  • Wein

Ich liebe Wein! Wein macht Spaß, Wein ist Lebensfreude. Es gibt immer etwas Neues zu entdecken und die Vielfalt ist fast unerschöpflich. Zu einem schönen Abend mit gutem Essen gehört für mich auch ein gutes Glas Wein. Dabei bin ich nicht wählerisch – ob Rot-, Weiß- oder Süßwein. Hauptsache gut muss er sein. Ich mag Wein nicht wegen des Alkohols, sondern einfach, weil ich die Vielfalt der Aromen liebe und es spannend finde, wie sich im Wein ein Jahrgang, eine Region oder sogar eine einzelne Lage hineinlegt. Trotzdem entscheide ich mich jedes Jahr für einen Dry-January.

Die Kapelle des Gutshofs mit Fokus auf dem Altar

Warum Dry-January

Der alkoholfreie Monat ist in der professionellen Weinszene häufig zu finden. Die meisten werden aus gesundheitlichen Gründen verzichten. Ich merke aber, dass für mich mehr dahintersteckt.

Gerade über die Weihnachtstage kennen viele das Gefühl: Ich bin satt! Genug gegessen, genug getrunken – einfach satt und vielleicht sogar ein bisschen darüber hinaus. Dieses Jahr habe ich dieses Gefühl weniger intensiv wahrgenommen – in den vergangenen Jahren jedoch umso deutlicher.

Gerade wenn es ums Essen geht, kann ich am Jahresende deutlich dieses Völlegefühl verspüren. Es beginnt bei der Auswahl des Weihnachtsmenüs. Was soll auf den Tisch kommen? Einfach Kartoffelsalat und Würstchen? Oder doch lieber einen Braten? Gans wäre auch so ein Klassiker – aber das ging vor einigen Jahren so schief, dass die Gans kein Genuss mehr war. Aber auch bei anderen Themen fühle ich mich einfach satt. Etwa wenn es um die Weihnachtswünsche geht. Schon früh im Dezember fragt meine Mutter, was sie mir zu Weihnachten schenken darf. Ich weiß es nicht, weil ich eigentlich schon alles habe. Und dann ist da noch die Zeit zwischen den Jahren. Was tut man, wenn Weihnachten vorbei ist und man eigentlich nur auf den Jahreswechsel wartet?

Die Besinnung bringt mich zu mir selbst

Der Januar ist für mich vielleicht der besinnlichere Monat. Ich esse weniger, muss mir nichts Wünschen und bringe neue Ordnung und Struktur in meinen Alltag. Dazu gehört für mich der Wein-Verzicht.

Der Januar erdet mich. Mein Geschmackssinn darf pausieren und ich suche bewusst keine geschmackvolle alkoholfreie Alternative. Tee und Wasser sind die Getränke des Januars. Ausruhen und sich besinnen. Dabei geht es mir nicht darum, diesen Monat zu verzwecken, um bei meinem Geschmack einen Reset-Knopf zu drücken. Vielmehr geht es mir darum, wieder bei mir anzukommen. Den Blick nicht schweifen zu lassen über die vielen Weine, die ich noch probieren möchte, die verrückten Foodparings die ich mir ausgedacht habe, sondern in mich zu hören und ruhig zu werden.

Das Problem ist: Heute wird Achtsamkeit oft verwendet zur Selbstoptimierung. Sei ein bisschen Achtsam, mach ein bisschen Meditation, dass du dann noch besser funktionierst! Und das ist im Letzten das Gegenteil von dem, worum’s wirklich geht. Auch das Gegenteil von Liebe. Achtsamkeit hat vielmehr damit zu tun, mit allen Sinnen präsent zu sein. Für mich selber präsent zu sein, für den anderen und für Gott. Und zwar unverzweckt –
ohne dass sich das gleich rentieren muss!

Johannes Hartl

Johannes Hartl spricht in einem Beitrag zum Thema Achtsamkeit über das zweckfreie Sein. Ich erlebe meinen Dry-January ganz ähnlich. Sobald ich in diese Tage mit der Aussicht gehe, meinen Geschmack zu verbessern, kreisen meine Gedanken um verschiedene Weine, die ich dann vielleicht verkosten möchte. Ich komme nicht bei mir an, kann mich nicht besinnen. Dieses Wort „besinnen“ beschreibt es vielleicht auch ganz gut. Zurück zu meinen Sinnen. Wahrnehmen. Doch nicht nur das Volle, Intensive, Überladene, Barocke oder Avantgardistische, sondern auch das Leere, Stille, Nichts.

Achtsamkeit und Sinnlichkeit im Alltag

Genau das ist es, worum es auch beim Fasten geht. Mein trockener Januar ist ein Monat des Wein-Fastens, des Besinnens, ruhig werden.

Wer dem Thema noch ein wenig nachgehen möchte, der kann gerne einmal in das Video von Johannes Hartl zum Thema Achtsamkeit reinschauen. Ich finde dort einige, sehr gute Gedanken. Der Neustart hier auf dem Gutshof lässt mich auch innehalten und nachdenken, wie ich meinen Alltag lebe, was ich tue und wie ich mich verhalte. Ich habe begonnen das Tagzeitengebet am Morgen zu beten. In aller Ruhe lese ich die Zeilen:

Zu wem sollen wir gehen?
Du hast Worte des ewigen Lebens,
durch den Glauben haben wir erkannt:
Du bist der Heilige Gottes

Gelobt seist du, Herr Jesus Christus,
König unendlicher Herrlichkeit!

Auszug aus dem Tagzeitengebet

Es tut gut, hier auf dem Gutshof ruhig ins Jahr zu starten. Hannah und ich haben viel Zeit für uns, genießen die Tage am wärmenden Kamin, sprechen über unsere ersten Erfahrungen hier auf dem Gutshof und können ankommen. Ich denke wir sollten uns nicht nur im Advent besinnen, sondern Zeiten im Alltag schaffen, an denen wir zur Ruhe kommen können, wahrnehmen und einfach Sein dürfen.